Sprache und Gehirn

Sommerschließzeit
16. Juli 2018
Zweigstelle in der Brückstraße 5
8. Oktober 2018

Sprache und Gehirn

„Wer seine Sprache verliert, verliert seine Umgebung-

Wer seine Umgebung verliert, verliert sich selbst.“

Dr. Luise Lutz

 

Manchmal hat man Glück im Leben einen Menschen zu treffen, der einen in allem was er tut, mitreißt und auf allen Ebenen ergreift. Mich hatte dieses Glück tatsächlich Ende Juli in Hamburg vollkommen überrascht! Die Fortbildung „MODAK-Modalitätenaktivierung in der Aphasietherapie“ bei Frau Dr. Luise Lutz ist mein persönlicher und beruflicher Erfolg und ich bin sehr dankbar, dass ich Frau Dr. Lutz persönlich erleben, mit ihr fachsimpeln und gemeinsam Zeit verbringen durfte!

 

Sprache ist so selbstverständlich, dass ihr Verlust undenkbar erscheint. Mit dem plötzlichen Eintritt des Verlusts von Sprache wird die betroffene Person urplötzlich aus seinem Leben gerissen. Am Abend „gesund“ eingeschlafen und am nächsten Morgen aufwachend und sich nicht mehr bewegend und äußern könnend. Mit einem Mal kann sich der Betroffene, seine Persönlichkeit, Gedanken, Wünsche und sein Wissen nicht mehr ausdrücken. Er wird nicht mehr gesehen. Dabei braucht die betroffene Person jedoch gerade jetzt das Einfühlungsvermögen der Umwelt in vielerlei Hinsicht: Verständnis für seine verzweifelte Lage und die Bestätigung, dass man den Menschen, der er war, sieht und weiterhin anerkennt. Zudem benötigt er Hilfe bei seinen Kommunikationsversuchen. Andersherum: was fühlt die Umwelt im Umgang oder „Gespräch“ mit jener betroffenen Person? Wahrscheinlich Unsicherheit, Unbehagen und auch Zweifel, ob sein Verstand noch funktioniert. Der Aphasiker stößt auf Ratlosigkeit und Ablehnung. Verständnislosigkeit begegnet ihm auch im medizinischen und behördlichen Umfeld, wo er jedoch eigentlich genau da auf konkrete Hilfe hofft. Aufgrund der Tatsache, dass in der Ausbildung für medizinische Berufe Aphasie häufig nur am Rande behandelt und thematisiert wird, beginnen die Probleme schon im Krankenhaus. Diese setzen sich dann meist in Arztpraxen, Krankenkassen und Behörden fort. Das fehlende Wissen über den Umgang mit Aphasikern, wie Sprachprozesse entgleisen, überschießen oder blockieren, wird häufig mit Mitleid, Unsicherheit und Ablehnung reagiert. Der Betroffene erkennt genau diese Reaktionen mit seinem intakten Verstand und reagiert ebenfalls emotional, meist depressiv. Entsprechend ist die Suizidgefahr bei Aphasikern sehr groß.

 

Sokrates sagte: „Sprich, damit ich dich sehe.“ Nach diesem Motto wird heute immer noch fast überall gehandelt. Im Umkehrschluss bedeutet dies jedoch: „Wenn du nicht sprichst, werde ich dich übersehen.“ Somit wird zu Unrecht (!) die Schuld für alle misslingenden Kommunikationsversuche dem Aphasiker zugeschoben. Sprache findet IMMER zwischen Sprecher und Hörer statt. Schlussfolgernd ist Aphasie auch unser Problem und es hängt zum großen Teil von uns ab, ob Gespräche mit einem Betroffenen möglich sind. Nur wenn wir über die sprachlichen Reaktionen mehr Wissen erlangen, können wir durch die gestörte Sprache hindurch „sehen“ und das „Schweigen“ verstehen.

 

Über Sprache ist bisher leider viel zu wenig bekannt. Wer denkt schon darüber nach, warum die Sätze genau so und nicht anders aus seinem Mund kommen? Die Funktionsweise eines Autos ist fast jedem bekannt. Aber wer interessiert sich dafür, außer ein paar Fachleuten, wie die Sprache funktioniert?

 

Die Frage, wie die Sprache in unser Gehirn kommt, ist vergleichbar mit der Frage, wie die Welt in unser Gehirn kommt. Ein Universum aus Zellstrukturen, Netzwerken und Schaltkreise beinhaltet ein zweites Universum, dass sich im Laufe der Zeit aufgebaut, entwickelt und weiterentwickelt hat: eine immense Zahl ineinander verwobener Sprachsysteme, Bedeutungssysteme, Grammatiksysteme, Lautsysteme und andere, die unsere Gedanken automatisch in Worte und Sätze umwandeln.

 

Die Aphasieforschung ergab, dass eine klassische Aufteilung der Sprache in eine motorische und sensorische Komponente zu ungenau und allgemein gehalten ist. Vielmehr besteht die Störung in hierarchisch gegliederten Funktionen, die gemeinsam, aber auch arbeitsteilig Sprache erzeugen und auch richtigerweise bestimmten Hirnarealen zugeordnet sind. Heeschen und Reischies haben dies sehr treffend formuliert: „Mit der linken Hirnhälfte erkennen wir die Bäume, mit der rechten den Wald.“ Dies bedeutet also, dass nicht nur ausschließlich die linke Hirnhälfte für die Sprache zuständig ist, sondern auch die rechte Hemisphäre Funktionen beinhaltet, die die Sprache betreffen. Es gibt vielmehr eine Hemisphärenspezialisierung. Alle höheren Hirnleistungen beruhen auf einer Zusammenarbeit beider Hirnhälften. Jede Hirnhälfte ist für bestimmte Aufgabenbereiche verantwortlich und führt ihre Aufgaben mit Hilfe der anderen durch. Mit Hilfe der PET konnte die Stoffwechselrate im Hirngewebe beider Hirnhälften bei sprachlichen Stimuli nachgewiesen werden. Es scheinen also in beiden Hemisphären gleichzeitig, aber auf verschiedene Weise Sprachprozesse abzulaufen während wir sprechen, lesen, schreiben und verstehen.

 

Während die linke Hirnhälfte sprachliche Prozesse wie „Zerlegen“, „Aneinanderreihen“, „Kategorisieren“ von Lauten übernimmt, scheint die rechte Hemisphäre an dem großen Ganzen interessiert zu sein. Sie verarbeitet Reize im Zusammenhang und nimmt als „Gestalt“ oder „Raum“ wahr. Außerdem ist sie für die Wahrnehmung und Verarbeitung von Musik und Gefühlsanteilen der Sprache zuständig. Ein schwer betroffener Aphasiker, welcher kaum ein Wort spontan äußern kann, singt ohne Schwierigkeit ganze Liedzeilen. Es scheint also, dass Sprache im ständigen schnellen Hin und Her durch die Zusammenarbeit beider Hirnhälften entsteht. Der Gebrauch von Sprache wird durch die linke Hirnhälfte bereitgestellt und gesteuert, während das globale Erfassen von Wörtern und Redewendungen, der Sprechmelodie und Gefühlsanteile über die rechte Hirnhälfte erfolgt.

 

In unserem neuronalen Netzwerk, einem Gebilde aus Milliarden ineinander verwobener neuronaler Spinnennetze, in dem elektrische Impulse knistern und mit einer Vielfalt an chemischen Signalen in Verbindung treten: genau hier entsteht Sprache. Die elektrische Impulsleitung und chemische Impulsübertragung führt in den komplexen Neuronennetzwerken zu allem, was wir sagen (wollen). Bei Aphasie scheinen Unterbrechungen oder Störungen eine wesentliche Rolle zu spielen. Genauso verhält es sich mit Störungen der Hemm- und Aktivierungsprozesse sowie der Parallelität, welche bei Störung gravierende Auswirkungen auf die Sprache, wie wir es bei Aphasie erleben, hat.

 

Wie die Hemmung, Aktivierung und Parallelität in der Aphasietherapie unterstützt und gefördert werden kann, erläutere ich im nächsten Blogbeitrag.

 

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